Blog #8

Mein letztes Kapitel in Guatemala

Als ich vor über acht Monaten in die Ferne aufgebrochen bin, wusste ich ungefähr, was mich fachlich erwarten würde – vieles andere war jedoch völlig offen. Heute, am Ende meiner Zeit in Guatemala kann ich sagen: Diese Erfahrung war anders, intensiver und bereichernder, als ich es mir vorgestellt hatte.

Meine Projektarbeit bei Mosan

Im Rahmen meines IZA Projekts habe ich potenzielle Haupt- und Co-Substrate für den bestehenden Pyrolyseprozess von Mosan untersucht. Bei meiner Bachelorarbeit ging es darum, den Prozess der Urindehydration und die anschliessende Anreicherung der Biokohle zu optimieren, und dabei ein nutzbares Endprodukt zu ermitteln.

Rückblickend bin ich mit beiden Projekten sehr zufrieden. Bezüglich IZA kann ich zusammenfassen, dass die ursprünglich definierten Ziele grösstenteils erreicht werden konnten - gleichzeitig entwickelte sich das Projekt während der Umsetzung aber laufend weiter. Anfangs lag mein Fokus stark auf technischen Materialeigenschaften wie Heizwert oder Kohlenstoffgehalt. Im Laufe der Arbeit wurde jedoch immer deutlicher, dass in der Praxis andere Faktoren oft wichtiger sind: Ist das Material überhaupt regelmässig verfügbar? Wie weit muss es transportiert werden? Ist die Handhabung realistisch? Welche Rolle spielt es als lokaler Abfallstrom?

Gerade diese Erkenntnis hat meinen fachlichen und arbeitstechnischen Erfahrungsschatz erweitert. Ich habe gelernt, dass gute technische Lösungen nicht automatisch gute praktische Lösungen sind. Die Kombination aus Literaturarbeit, Feldbesuchen und Gesprächen mit lokalen ProduzentInnen hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, technische Fragestellungen immer im Kontext der tatsächlichen Rahmenbedingungen zu betrachten.

Zu den grössten Highlights meines IZAs gehörten für mich die Feldbesuche. Dabei lernte ich nicht nur die Region rund um den Lago Atitlán kennen, sondern erhielt auch Einblicke in Produktionsprozesse, Familienbetriebe und lokale Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig verbesserten sich meine Spanischkenntnisse fast nebenbei, weil viele Gespräche und Interviews ausschliesslich auf Spanisch stattfanden.
 

Interkulturelle Kommunikation

Die Zusammenarbeit im Team war für mich eine der positivsten Erfahrungen an meinem neuen Arbeitsort. Obwohl ich zu Beginn nur über begrenzte Spanischkenntnisse verfügte, fühlte ich mich von Anfang an willkommen und unterstützt. Meine Kolleginnen und Kollegen waren geduldig, halfen mir bei fachlichen oder sprachlichen Schwierigkeiten und bezogen mich aktiv in ihre Arbeit ein. 

An dieser Stelle möchte ich mit einer ganz grossen Dankbarkeit vorstellen: Raluca - meine geduldige, sehr kluge und liebevolle Betreuerin; Mona - eine wunderbare Chefin und Herzensperson und Nelson, Memo und Melvin sowie Toribia , die das beste Team bilden, das man sich wünschen kann! 
GRACIAS A TODOS <3

Im Arbeitsalltag bemerkte ich verschiedene kulturelle Unterschiede - die meisten davon nahm ich positiv wahr und halfen mir, wichtige Skills zu erlernen oder zu trainieren. Viele Prozesse waren weniger formalisiert als ich es aus der Schweiz gewohnt war. Besonders bei der Organisation von Feldbesuchen zeigte sich, wie wichtig persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen sind. So wurden Termine oft kurzfristig telefonisch vereinbart oder spontan angepasst. Es war zudem definitiv von Vorteil, bei den Besuchen meinen Mitarbeiter an der Seite zu haben, da er als Local die kulturelle Brücke zwischen uns und dem Gesprächsgegenüber bauen konnte. 

Natürlich verlief auch nicht immer alles nach Plan. Immer wieder kam es zu Verzögerungen durch kurzfristige Terminänderungen, technische Probleme, Stromausfälle oder kleinere gesundheitliche Rückschläge. Besonders herausfordernd war für mich die Organisation der Feldbesuche, da sich Zeitpläne häufig änderten und so in meiner restlichen Projektplanung Flexibilität gefragt war. Rückblickend haben gerade diese Situationen aber dazu beigetragen, gelassener mit Unsicherheiten umzugehen und Lösungen zu finden, anstatt mich an ursprünglichen Plänen festzuklammern. Ich lernte einmal mehr: flexibel zu bleiben und sich auf lokale Arbeitsweisen einlassen zu können sind essentielle Skills für die Arbeit in einer anderen kulturellen Umgebung. 
 

IZA und das Leben im Ausland 

Auch meine Sicht auf Entwicklungszusammenarbeit hat sich verändert. Vor meinem Aufenthalt hatte ich teilweise Zweifel, ob internationale Zusammenarbeit tatsächlich langfristige Wirkung erzielen kann. Die Arbeit bei Mosan hat mir gezeigt, wie wirkungsvoll Projekte sein können, wenn sie lokal verankert sind und gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie komplex die Herausforderungen sind und dass technische Lösungen allein selten ausreichen.
Ob ich mir eine Zukunft in der internationalen Zusammenarbeit vorstellen kann? Nach dieser Erfahrung eindeutig ja. Besonders die Verbindung von Umweltthemen, direkter Zusammenarbeit mit Menschen und interkulturellem Austausch hat mich begeistert. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mich der Kontakt mit Menschen und die Arbeit im Feld mindestens genauso faszinieren wie rein technische Fragestellungen. 


Rückblickend nehme ich aus dieser Zeit nicht nur fachliches Wissen mit, sondern auch viele persönliche Erfahrungen, neue Perspektiven und wertvolle Beziehungen. Guatemala hat mich geprägt – fachlich, sprachlich und persönlich. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Nebst dem grossen Teil, meiner Arbeit bei Mosan, ist es das Leben in meiner Gastfamilie und die dadurch ermöglichte Erfahrung, über mehrere Monate Teil einer anderen Kultur zu sein, was mich am meisten geprägt hat. Das war schlussendlich auch die grösste Herausforderung: Die Zelte wieder abbrechen und mich von den mir lieb gewordenen Menschen verabschieden zu müssen.

Was ich definitiv mitnehmen werde, ist die Grosszügigkeit, die ich erlebt habe. Ich habe gerlent, dass man nicht nur mit Gesten und Geschenken grosszügig sein kann, sondern auch mit Zuneigung, liebevollen Worten und dem füreinander Dasein. Ich werde meine Gastfamilie, meine Freunde und auch die vielen kleinen Begegnungen im Alltag am Gemüsemarkt oder auf der Fahrt im Pickup, niemals vergessen.