Blog #1
Ankunft.
Mein neues Zuhause ist Panajachel, eine Kleinstadt im zentralen Hochland Guatemalas auf 1500 m.ü.M, eingebettet zwischen grünen Hügen und dem See Atitlán. Der Ort ist mit seinen rund 16'000 Einwohner*innen die grösste Stadt am Ufer des Sees und somit auch einer der Hauptverantwortlichen für den besorgniserregenden Zustand des Gewässers: Der vor über 85'000 Jahren durch einen Vulkanausbruch entstandene, tiefste See Zentralamerikas - eines der kulturellen Wahrzeichen des Landes und Mittelpunkt des Lebens in der Region - drohen Verschmutzung, Eutrophierung und Verlust an Biodiversität (gut zusammengefasste Übersicht unter Lake Atitlán's Silent Struggle)
Doch beginnen wir am Anfang dieser Reise...
Der erste Eindruck, der sich mir beim Hinweg über die kurvenreichen Strassen von Guatemala City nach Panajachel, beim Blick über die weite Ebene von Sololá über den See bis hin zu den drei Vulkanen an den gegenüberliegenden Ufern eröffnete, war so umwerfend, dass die traurige Realität um den Zustand des vor mir liegenden Paradieses unwirklich schien. Und ebenso die Tatsache, dass dies für ein halbes Jahr mein zu Hause sein wird!
Ich wohne in einer Einzimmerwohnung mit Blick über die Dächer der Stadt, im Hintergrund das Blau des Sees und dahinter die meist mit Wolken verschleierten Vulkane San Pedro, Tolimán und Atitlán. Meine Vermieterin - und inoffizielle Gastmutter - heisst Alicia und wohnt zusammen mit ihrer Schwester, ihrer Tochter und deren zwei Kindern in den unteren Stockwerken. Die vermieteten cuartos - insgesamt 4, darunter auch meins - befinden sich in den oberen Stockwerken. Das Dach ist begehbar und hat sich schnell als die beste Location für alles mögliche entpuppt - Morgenyoga, Pflücken von frischen Avocados vom Baum direkt neben unserem Haus oder Lesen bei Sonnenuntergang... einfach herrlich!
Ein Spaziergang durch die Strassen von Pana erweist sich jedes Mal als ein kleines Abenteuer - man schlängelt sich durch den chaotischen Verkehr, vorbei an Motorräder und Tuktuks, der Geruch von Abgas und frisch gebackenen Tortillas in der Nase. Die kleinen Tiendas und Comedores an jeder Ecke verkaufen alle handgewobene Textilien, kleine Snacks (wie Chicharrones; frittierte Schweinehaut) und natürlich Coca Cola.
Mein Arbeitsort ist eine 10 minütige Pickup-Fahrt von Pana entfernt und liegt in Santa Catarina Palopó. In dem kleinen Dorf leben ca. 1000 Familien, von denen nur knapp 2 % an die Kanalisation angeschlossen sind (Mijthab et al., 2021). Landesweit sind es ca. 35% der Bevölkerung (6 Millionen Personen) die keinen Zugang zu grundlegenden Sanitärsystemen haben. In ländlichen Gebieten liegt der Anteil sogar bei fast 50 % (WHO & UNICEF: JMP, 2017). Die Folgen dieser mangelhaften Sanitärversorgung betreffen nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung, sondern auch die Umwelt. Denn nur 21 % des in der Region anfallenden Abwassers wird in den wenigen vorhandenen Abwasserreinigungsanlagen behandelt. Von den Anlagen erfüllt wiederum nur eine von insgesamt 12 die offiziellen Reinigungsanforderungen. Die restlichen Anlagen leiten nach wie vor verschmutztes, nährstoffreiches und dadurch sauerstoffzehrendes Wasser direkt in die Flüsse und den See ein. Ein weiteres Problem: der anfallende Klärschlamm wird unkontrolliert in der Umwelt deponiert, was zu Kontamination von Boden, Grundwasser und eben auch Oberflächengewässern wie dem Lago Atitlán führt.
Um zu einer Verbesserung der sanitären Situation und zur Reduzierung der Umweltverschmutzung beizutragen, gründete Mona Mijthab das Unternehmen Mosan (Mosan - Sanitation Solution -> check it out!). 2018 nahm Mosan in Santa Catarina seine Arbeit auf - zunächst mit der Präsentation einer sicheren Sanitärsystem-Alternative, die auf einer mobilen, containerbasierten Mosan-Toilette mit integrierter Trennung von Urin und Fäkalien basiert. Des Weiteren folgte die Entwicklung eines Systems zur Umwandlung von Abfällen durch Pyrolyse. 2023 startete Mosan mit Klärschlamm als Substrat für die Pyrolyse, mit dem Ziel, zum Schutz des Sees vor Nähr- und Schadstoffeintrag beizutragen, und eine Lösung für die Verwertung dieses problematischen Abfalls zu erarbeiten. Heute arbeitet ein über 8-köpfiges Team (mit uns Studenten 10 :) an der Optimierung und dem Ausbau des Mosan-Prozesses, der durch Pyrolyse Biokohle - ein wertvolles Produkt zur Bodenverbesserung, z.B. in der Landwirtschaft) durch Verwertung von Abfallströmen gewinnt und gleichzeitig dezentrale, hygienische Sanitärsysteme etabliert.
In dem vergangenen Monat habe ich mich in den Mosan-Prozess eingelesen, eingearbeitet - und im Team und meiner neuen Umgebung eingelebt.
Die ersten zwei Wochen habe ich jeweils vormittags einen intensiv-Spanischkurs besucht und nachmittags gearbeitet. Seit zwei Wochen gings dann vollzeit los mit meinem IZA Projekt! Nebst einer intensiven Literaturrecherche zu möglichen Pyrolyse-Co-Substraten habe ich zusammen mit meinem Mitarbeiter Nelson einen Interviewfragebogen auf spanisch erstellt, um verschiedene Produzent*innen in der Region zu besuchen, befragen und so potenzielle Co-Substrat-Materialien aufzuspüren. Die kommenden Wochen stehen nun die Besuche an und ich bin schon sehr gespannt darauf, mehr über Landwirtschaftliche Betriebe und die verschiedenen Produktionsprozesse aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen hier in der Region zu erfahren!