Blog #7
Lets talk SHIT
..oder über Fäkalien im Allgemeinen.
Ich bin schon seit ich mich im Studium genauer mit Abwassertechnik auseinandergesetzt habe, der Überzeugung, dass Abfälle krass unterschätzt werden. Oder anders ausgedrückt: Es ist faszinierend, welches Potenzial in den enormen (!!) Mengen an Stoffströmen steckt, die kontinuierlich, 24/7, jeden Tag, überall auf dem ganzen Planet anfallen, aber keinen Nutzen mehr haben. Abfall.
Für viele Menschen gilt: aus den Augen, aus dem Sinn. War bei mir genauso. Müll entsorgen - und fertig. Spülen - und weg ist das Abwasser. Aber was passiert eigentlich danach? Wohin geht dreckiges Wasser aus Toilette und Industrie? Was passiert mit dem verbrannten Müll nach der Kehrrichtsverbrennung? Was mit dem Müll, der nicht verbrannt werden kann? Und: wie sieht es an Orten wie Guatemala aus, wo es keine einzige Verbrennungsanlage gibt und wo spülen gar keine Option ist. Wo aus den Augen aus dem Sinn nicht greift, weil die Berge an Müll in den Deponien und am Strassenrand, auf Gemüsefeldern und am Seeufer sowie der Geruch nach Abwasser an vielen Seeufern allgegenwärtig sind.
Wenn man sich mal genauer mit dieser vielleicht vorerst unattraktiven Thematik "Abfall" beschäftigt, werden einem drei Dinge klar - so ging es zumindest mir:
1. Abfall ist allgegenwärtig. Wortwörtlich. In allen Bedeutungen des Begriffs: Wo Menschen sind, dort ist Konsum. Und das bedeutet automatisch auch Abfall. Konsum und Abfall gehen Hand in Hand. Überall auf der Welt. Und dann die Quantitäten! Wir sprechen hier von Mengen, die man sich gar nicht vorstellen kann! Allein in der Schweiz fielen im Jahr 2020 1.3 Mrd Kubikmeter Abwasser an – das entspricht 43 Badewannen pro Sekunde pro SchweizerIn (Branche Kennzahlen Gesamtbetrachtung - VSA Wasser Wissen)! Wie gross diese Mengen in einem doppelt so EinwohnerInnen-starken Land wie der Schweiz sind, kann man sich ausmalen… (da Abwasserreinigungsanlagen in Guatemala nur teilweise vorhanden sind und oft nicht funktionieren, ist die Datengrundlage entsprechend begrenzt).
2. Abfall ist lästig.
Wir brauchen ihn nicht mehr, er ist eklig und stinkt. Solange er aus unserem Alltag verschwindet, scheint das Problem gelöst. Doch genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung. Richtig problematisch wird Abfall nämlich erst, wenn man seine tatsächlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt betrachtet. Hinter jeder Entsorgung steckt ein erheblicher logistischer und energetischer Aufwand – vom Transport über die Verarbeitung bis hin zur Behandlung. Dabei entstehen neue Belastungen: Mikroplastik gelangt in Ökosysteme, Krankheiten können sich verbreiten, bei der Verbrennung entstehen schädliche Gase, und Deponien führen zu langfristiger Kontamination von Böden und Gewässern.
Abfall verschwindet also nicht – er wird lediglich verlagert, umgewandelt oder versteckt. Wie und wo dies geschieht, ist dabei längst nicht nur eine technische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage – denn niemand möchte eine Müllhalde oder Deponie vor der eigenen Haustür. Der Umgang mit Abfall stellt damit eine kollektive Herausforderung dar, die uns alle betrifft. Gleichzeitig nehmen die damit verbundenen Probleme weiter zu: neue Schadstoffe wie PFAS („Ewigkeitschemikalien“) werden inzwischen weltweit in Böden, Gewässern und sogar im menschlichen Körper nachgewiesen, während geeignete Deponieräume und sichere Endlagerungsmöglichkeiten zunehmend knapper werden.
Doch genau an diesem Punkt eröffnet sich auch eine andere Perspektive: Was wäre, wenn Abfall nicht ausschliesslich als Belastung, sondern gleichzeitig als Ressource verstanden würde? Und hier wird es spannend. Aus einem Problem entsteht ein Potenzial. Oder einfacher gesagt:
3. Shit to money.
Der Gedanke dahinter ist nicht neu, gewinnt jedoch angesichts begrenzter Ressourcen und wachsender Umweltprobleme zunehmend an Bedeutung: Kreislaufdenken. Materialien, Nährstoffe und Energie sollen nicht verloren gehen, sondern möglichst lange im System erhalten bleiben. Aus Abfall werden Rohstoffe, aus Reststoffen, neue Produkte oder Energiequellen. Besonders deutlich zeigt sich dies bspw. beim Metallrecycling, da viele Primärrohstoffe nur begrenzt verfügbar sind und ihre Gewinnung mit hohen ökologischen Kosten verbunden ist.
Kurz die Basics der Abfallhierarchie: Am allerbesten wäre natürlich Abfallvermeidung. Dann: Alternativen zu Abfall – ressourcenschonende, langlebigere, nachhaltigere Optionen. Und erst danach: Recycling.
…Aber auf menschliche Abfälle bezogen greift das natürlich nicht. Ausser jemand erfindet einen Eingriff, durch den wir nicht mehr zur Toilette müssen.
Deshalb: Lösungen müssen her.
Welche genau – das ist extrem kontext- und situationsabhängig. Topografisch (Grossstadt vs. SAC-Hütte), aber auch je nach Wasserverfügbarkeit, finanziellen Mitteln und technischem Know-how (Schweiz vs. Guatemala). Genau das macht das Ganze für mich so spannend: Es gibt nicht die eine Lösung. Es gibt viele – und sie müssen immer wieder angepasst, weiterentwickelt und neu gedacht werden.
Nun aber zu meiner Arbeit, und spezifisch: dem Abfall, mit dem wir uns konkret befassen: Fäkalien.
Ein Teil des Systems ist die Herstellung von Biochar aus Fäzes und Klärschlamm – das Kernthema von Mosan. Mit diesem Prozess hat sich mein Studienkollege Erik in der ersten Hälfte meiner Zeit hier in seiner Bachelorarbeit intensiv beschäftigt.
Ich wiederum arbeite an der Urinverwertung im Mosan-System. Dazu gibt es bereits Pilotprojekte und vorgängige Forschung. Mein Fokus liegt auf der praxisorientierten Optimierung – konkret für die Bedingungen in unserem «Freiluftlabor», dem Mosan Transformation Center. Genau das hat mich bei der Themenwahl auch so gereizt: Es ist konkret, anwendungsnah und ziemlich low-key. Arbeiten mit dem, was da ist.
Der Prozess selbst ist eigentlich ziemlich simpel:
1. Einsammeln der Urin und Fäzes-Container
2. Aufkonzentrierung des Urins im Dehydrator “URI”
3. Mischen mit Pflanzenkohle aus dem Mosan-Prozess
4. Trocknung des Mixes an der Sonne
5. Chemische Analyse der Proben auf ihren Nährstoffgehalt
Das Ziel ist es, am Ende ein Produkt zu erhalten, das wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann – als Dünger für den Boden. Aus etwas, das wir normalerweise möglichst schnell loswerden wollen, wird plötzlich wieder etwas Wertvolles.
Shit to money – im besten Sinne.